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Musik und Schönheit

MUSIK > Musik, Schönheit und Aufstieg

Musik und Schönheit

Die Streichersuite „Aus Holbergs Zeit“ von Edvard Grieg

Ist es die vorrangige Aufgabe der Musik und der Künste, das Leid der Welt darzustellen und zu spiegeln? Oder brauchen wir nicht vielmehr ein Gegengewicht in Form von Schönheit und Harmonie? Was vermögen, in aller Kürze betrachtet, die einzelnen Kunstformen dabei zu „leisten“?

Viel Leid und Elend durchzieht die Menschheitsgeschichte, mit zunehmender Tendenz bis auf den heutigen Tag, und mehr oder weniger verzweifelt versucht die ganze Menschheit, dagegen anzugehen. Doch alles wird vergeblich sein, wenn nicht, im kleinen wie im großen, vom Einzelmenschen bis hin zu ganzen Staaten, die Egoismen und falschen Eigenwünsche aufgegeben werden. Wie Albert Schweitzer schon sagte, liegt das Heil nicht in neuen Maßnahmen, sondern in neuen Gesinnungen.

Auch alle Kunstformen versuchen, das Leid der Welt in irgendeiner Weise aufzuarbeiten. Dabei haben Dichter und Schriftsteller, die sich der Sprache bedienen können, wohl die weitreichendsten konkreten Möglichkeiten, denn sie können mit ihr sowohl die Sachverhalte an sich darstellen, den Bezug zu unserem eigenen Erleben, als auch die damit verbundenen Seelenregungen anklingen lassen. So sind viele aufwühlende, anrührende und nachdenklich stimmende Werke entstanden.

Auch die bildenden Künste können in Grafiken, Gemälden und Skulpturen das seelische Leid der Menschen nicht immer schön, aber ausdrucksvoll darstellen, wie zum Beispiel der Maler Edvard Munch oder der Bildhauer Ernst Barlach. Mit Hilfe der äußeren Form, beispielsweise durch einen ausdrucksstarken, angstvollen Gesichtsausdruck, wird uns das Thema innerlich nahegebracht, obwohl hier schon der Bezug zur Entstehungsgeschichte und Aussage des Werkes notwendig ist; denn sonst wissen wir nicht, warum der dargestellte Mensch schreit, Angst hat oder traurig ist.

Noch ausgeprägter gilt das für die Musik! Lediglich in der Programmusik, wie in Smetanas „Moldau“, Strauss' „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ usw., läßt sich, aber ebenfalls nur in Kenntnis des Titels und des Programms, die musikalisch-programmatische Aussage innerlich nachvollziehen. Ebenso erschließt sich politisch motivierte Protestmusik, wie die von Schostakowitsch, im ursprünglich gewollten Sinne nur dann, wenn wir die politisch-gesellschaftlichen Hintergründe kennen. Von daher gilt diese Parallele zu den bildenden Künsten nur für verhältnismäßig wenige programmatische Werke der Musik.

Die eigentliche Stärke der Musik ist es, unmittelbar als Schwingung mit unserer Seele in Verbindung zu treten – und sie enthält Farben, die wir zwar nicht direkt sehen, wohl aber empfinden können. Die enge Verwandschaft von Ton und Farbe wird in den Begriffen „Farbton“ oder „Klangfarbe“ deutlich. Unsere Seele reagiert nun in erster Linie auf Schönheit, die eng verbunden ist mit der Harmonie. Beide sind ohne Klarheit nicht denkbar. Deshalb richten sich nur reine Farben und Klänge direkt und wohltuend an unser tiefstes Inneres, alles andere wendet sich an unseren Verstand; wir empfinden es bestenfalls als interessant, kritisch oder aber aufreibend.

Sind Kompositionen in düsteren Klangfarben gehalten, so stimmen sie uns eher depressiv oder traurig. Musik ruft also einen bestimmten Seelenzustand, eine entsprechende Empfindung hervor, die der Art der Musik entspricht.

Von daher ist es meines Erachtens ein großer Irrtum, der sich ungeprüft von zeitgenössischen Komponisten und ihrer Anhängerschaft zum Hörer weiterverbreitet hat, daß Musik ohne weiteres gesellschaftskritisch sein und das Leid der Welt darstellen könne. Sie kann es aus sich selbst heraus nicht, auch atonale „Musik“ nicht! Diese kann lediglich zur Untermalung und Unterstützung derartiger, in anderer Form bereits fixierter Inhalte beitragen, indem sie eine nervenaufreibende oder deprimierende Stimmung in unserer Seele erzeugt! Steht sie für sich allein, so erzeugt sie für das Empfinden der meisten Menschen nur schmerzende Klänge, ohne jeglichen Bezug zu einer konkreten, äußeren Form!

Die vornehmste Aufgabe der Musik ist es daher, die Seele zu erreichen, sie also mit der in der Musik enthaltenen Schönheit und Harmonie in Resonanz zu bringen. Das gelingt ihr bei den meisten Menschen viel direkter und unmittelbarer als den anderen Künsten. Deshalb der geheimnisvolle Zauber, die erstaunliche Wirkung, die die Musik vollbringen kann. Mit dieser Eigenart kann sie auch die Sehnsucht zum inneren Aufstieg in uns wecken, da ein meisterhaft komponiertes Werk uns weich stimmt und wertvolle Seeleninhalte zum Mitschwingen bringt, wenn wir uns ihm öffnen! Das setzt aber vorwiegend reine Klänge voraus, zu denen auch starke Reibungen gehören, sofern sie sich wieder auflösen!

Düstere seelische Grundstimmungen erzeugende Klänge können aus der Natur der Sache heraus keinen inneren Aufschwung bringen, da alles Depressive, wie das Wort ja deutlich sagt, niederdrückt und hemmt. So stellen sie sich in eine Reihe mit anderen niederziehenden Inhalten, die uns aus der Außenwelt erreichen.

Ist es letztlich nicht unser Verstand, der uns sagt, wir müßten uns auch in unserer Freizeit, in unserem Hereinnehmen von Kunst und Kultur, besonders mit den Schattenseiten, dem Dunklen, dem Morbiden und Traurigen auseinandersetzen? Haben wir davon nicht schon genug im Alltag und in den Nachrichten?

Sicherlich ist es besser, sich einer schönen Musik und Kunst zu öffnen. Es hilft uns sehr, denn das Lösen unserer Probleme gelingt in einer inneren Harmonie und Ausgeglichenheit besser. Wir verlieren uns dann nicht so schnell in Alltagsproblemen und -details, sondern können vieles mit mehr Überblick und Gelassenheit nehmen. Gute Musik ist fähig, eine Oase der Schönheit in einer oft problematischen Welt zu bilden. –



Ein Ausschnitt aus dem genialen „Air“, der stark durch sehnsuchtsvolle Spannungen geprägt ist, die aber niemals schmerzen. So liegt ausgerechnet die Melodie in Cello und Kontrabaß im ersten und dritten Takt lange in der spannungsreichen Septime. Durch Vorhalte und Umspielungen kommt die Auflösung nur kurz in der zweiten Hälfte des zweiten Taktes zustande. In diesem ganzen, insgesamt acht-taktigen Teil löst eine Dissonanz die andere ab, bevor es dann mit reinen Durklängen weitergeht.


Bild oben: Die Komponierhütte Edvard Griegs in Troldhaugen, Norwegen




Ein Beispiel für derart schöne Musik sehe ich in der Streichersuite „Aus Holbergs Zeit“ op. 40 des bedeutendsten norwegischen Komponisten Edvard Grieg. Er greift darin auf schlichte Satz- und Tanzformen des 18. Jahrhunderts zurück, auf Präludium, Sarabande, Gavotte, Air und Rigaudon. In meisterhafter Schönheit und Klarheit legt er in die verschiedenen Sätze Kraft und Temperament, beschwingte Leichtigkeit und Freude, nordische Melancholie und eine außerordentliche Wärme. Mit dem „Air“ gelingt ihm in großer Schlichtheit ein Satz von überragender Schönheit, der zu den Perlen des gesamten menschlichen Musikschaffens zählt. Es stimmt die Seele weich und sehnsuchtsvoll – und diese geöffnete Seelenhaltung ist der beste Boden, höhere Werte in uns hineinnehmen zu können.

So beantwortet dieses herrliche Stück ganz selbstverständlich die eingangs aufgeworfene Frage, ob es nicht vorwiegend die Aufgabe der Kunst wäre, statt eines Spiegels der Außenwelt endlich ein Gegengewicht zu bilden: Ja, das stärkste Mittel gegen jede Form von Häßlichkeit ist und bleibt die Schönheit!

 
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